Volker Habermaier: Laudatio auf den Träger der Johann-Peter-Hebel-Gedenkplakette 2013 der Gemeinde Hausen im Wiesental, Markus Manfred Jung

Geschrieben: 8. Juni 2015 | Autor: | Kategorisiert unter: Allgemein | Keine Kommentare »

Lieber Markus Manfred Jung,

liebe Familie Jung,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Festgäste,

wenn er heute abend nicht unter uns wäre, wenn man ihn denn suchen müsste, wo fände man ihn wohl: den Hebel-Plakettenträger 2013, Markus Manfred Jung?

Vielleicht träfe man ihn zuhause an, im Kleinen Wiesental, weit oben, in Hohenegg, im alten Haus. Er hätte dann den schönen Tag genützt, um in seine geliebten Wälder zu gehen, zu sehen, wie alles grünt und blüht, zu beobachten, was alles kreucht und fleucht. Er hätte wohl sein kleines Notizbuch dabei gehabt und ab und zu einige Beobachtungen und Gedanken notiert – Keimzelle künftiger Gedichte.

Vielleicht säße er in seiner Bibliothek und läse in einem Band, mit Gedichten oder Geschichten Johann Peter Hebels beispielsweise. Denn nur wiederholte Lektüre, so sagt er, erschließt die Schönheit und Vielschichtigkeit seines Werks. Oder er läse Peter Huchel, den großen Lyriker des 20. Jahrhunderts, den er auch in seinen Gedichten zu Wort kommen lässt.

Vielleicht hätten Bettina, seine Frau, und er Besuch. Gäste sind immer willkommen. Wenn dir die Türe offen ist: einfach eintreten und da sein.

Oder er hätte eine seiner mittlerweile über 700 Lesungen zu bestreiten; gut vorbereitet und rechtzeitig wäre er am Ort des Geschehens eingetroffen. Er hätte sich akribisch vorbereitet, seine Notizen studiert, was er denn wo gelesen hat. Seine Zuhörer sind ihm so wert, dass er ihnen keine Wiederholungen bieten will.

Oder – oder – oder …

Nun aber ist er hier und muss sich gefallen lassen, dass ich sein Loblied singe – schließlich habe ich eine Laudatio zu halten. Glücklicherweise weiß er, dass das, was ich sage, nicht nur dem Anlass geschuldet ist.

Markus Manfred Jung wurde 1954 in Zell im Wiesental geboren. Sein Vater, der unvergessene Gerhard Jung, hat ihn schon in jungen Jahren ans Dichten herangeführt. Ein solcher Vater, Hebel-Plakettenträger von 1973 und Hebel-Preisträger von 1974, hätte den Sohn erdrücken können. Gewiss! Wer aber Gerhard Jung hat kennenlernen können, der weiß, wie uneigennützig dieser junge Talente gefördert hat. So eben auch den Sohn.

Am Anfang standen Versuche in hochdeutscher Sprache, bislang unveröffentlicht. Vielleicht können unsere Nachfahren sie in fünfzig Jahren in einer Gesamtausgabe lesen. Dann aber war 1975 der Wettbewerb „Junge Mundart“ der Muettersproch-Gsellschaft und des Regierungspräsidiums Freiburg ausgeschrieben. Der Zwanzigjährige beteiligte sich und gewann auf Anhieb einen Ersten Preis.

Auf diesen Preis folgten zahlreiche weitere. Ich nenne nur wenige, die herausragen: zunächst den Hebeldank 2009 des Hebelbundes, hier natürlich als Erstes.

Dann einen Preis beim Internationalen Lyrikwettbewerb Meran 1998 oder den Lucian-Blaga-Preis für Poesie 2001 im rumänischen Klausenburg. Ich nenne diese beiden Auszeichnungen, weil sich da Jungs Gedichte in einer hochsprachlichen Umgebung zu behaupten wussten. Mundart-Literatur muss nämlich aus ihrer Nische heraustreten; sie ist einfach Literatur, gute oder schlechte – wie die hochsprachliche Literatur auch. Punkt.

Und ich nenne unter den Ehrungen den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik, den er 2007 gemeinsam mit Uli Führe, dem kongenialen Komponisten, für ihre erste gemeinsame CD „Ikarus“ in Berlin entgegennehmen konnte.

Bis heute hat Markus Manfred Jung acht Gedichtbände veröffentlicht, einen in italienischer, einen in rumänischer Übersetzung. Jung publiziert außerdem regelmäßig – meist in der Badischen Zeitung – kurze Prosatexte, wörtlich verstandene Glossen, also Anmerkungen zu Gegenwart und Vergangenheit des „Dreyecklandes“. Wiederabgedruckt sind sie in mittlerweile drei Prosabänden.

Seit Jahren tritt Jung als Theaterautor in die Fußstapfen seines Vaters: Auch er schreibt – häufig für Laienschauspieler – Stücke über eine andere Geschichte unseres Landes, einer Geschichte von unten. Zum 150. Jubiläum der Badischen Revolution wurde sein Stück über den Liberalen Carl von Rotteck und den Revolutionär Friedrich Hecker im Freiburger Theater uraufgeführt.

Wie den Dichter Markus Manfred Jung rühmen, ohne Sie, verehrte Zuhörer, in ein germanistisches Seminar zu entführen? Vielleicht ganz kurz und so: Jung geht häufig aus von kurzen, verknappten Beobachtungen aus der Natur oder von Erinnerungen an Gelesenes, Erfahrenes. Diese formuliert er in der Mundart. Dabei hebt er sie auf eine zweite oder dritte Ebene.

Seine Texte setzt er gegen die Sprachvermüllung von heute. Er setzt auf die Kraft des Wortes. Dieses, besonders das in der Mundart, hat seinen ganz eigenen Klang. Dem horcht er nach, dem spürt er nach. Also: das Wort gegen die Wörter.

Doch nicht nur der Dichter Markus Manfred Jung wird heute mit der Hebel-Plakette geehrt. Wie bei Hebel selbst auch, dem Dichter, Kirchenmann und Lehrer, so geht auch Jungs Wirkungskreis weit über das Schreiben hinaus.

Da ist die Internationale Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt, die er vor einem Vierteljahrhundert mit Thomas Burth gegründet und seither geleitet hat. Das Jubiläum haben wir vor wenigen Wochen erst mit einem großen Lesefest gefeiert. Wie sonst?

In Jungs Unterricht am Schopfheimer Gymnasium haben Johann Peter Hebel, hat die Mundart-Literatur ihren ganz selbstverständlichen Platz. Jung ist ein Meister des Gesprächs; sein Unterricht ist kein bloßes Ich-kluger-Lehrer-frage-du-dummer-Schüler-antwortest-Spiel. Er beherrscht die sokratische Kunst des Gesprächs: Wie eine Hebamme hilft er bei der Geburt der Gedanken derer, die vor ihm sitzen. Dies gelingt ihm, weil ihn in seinen Schülern die Menschen interessieren. Darin ist er Hebels Schüler, der gesagt hat: „Das hat Gott in die Herzen der Eltern gegeben, dass sie also ihre Kinder lieben und ihren Undank vergessen können. Nie will ich solche Liebe betrüben.“

Jung führt außerdem Lehrerfortbildungen durch und hat Unterrichtsvorschläge publiziert. Er hat das Programm „Mundart an der Schule“ aus der Taufe gehoben. Seit vielen Jahren führt er Lesungen in Schulen – nicht nur Gymnasien – durch. Viele Kinder lernen durch ihn, und er lernt vieles von ihnen.

Jung sitzt in verschiedenen Jurys für Mundart-Literatur. Seine hohen Maßstäbe von Literatur lassen ihn auch im Schreiben eines Anfängers das Gute, das Wertvolle erkennen.

Seit 2006 ist er Präsident des Internationalen Dialekt-Instituts. Dieses wurde 1976 gegründet – zu Zeiten des Aufbruchs der Neuen Mundartliteratur – und versteht sich als Dokumentations- und Forschungsstelle für „regionale Sprachen und Kulturen“. Sein Auftrag umfasst also viel mehr als nur das Sammeln von Dialektliteratur. Die Arbeit des IDI konserviert, gewiss, aber historisch-kritisch, emanzipatorisch. Jungs Präsidentschaft hat den IDI aus langjähriger Lethargie auf neue Höhen geführt.

Einen Preis habe ich noch nicht genannt: den Preis des Landes Baden-Württemberg für literarisch-ambitionierte Kleinverlage im Jahr 2006. Was das mit Jung zu tun hat? Ganz einfach: Markus Manfred Jung ist nicht nur Lehrer, Schulleitungsmitglied zudem, Autor und Organisator literarischer Veranstaltungen. Nein, er ist auch seit nahezu zwei Jahrzehnten mit Wendelinus Wurth und Franz Handschuh Leiter des Drey-Verlags, ohne den die Regio um Vieles ärmer wäre. Jung ist zugleich Lektor von mehr als drei Dutzend Büchern. Wer das Glück hatte, von ihm lektoriert zu werden, ist ihm dankbar für seine zwar anspruchsvolle, jedoch immer verständnisinnige Art, mit Menschen und mit Texten umzugehen.

Johann Peter Hebel klagte zuweilen, er komme vor lauter Arbeit nicht zu dem, was ihm am Wichtigsten sei. Auch Markus Manfred Jung muss die Zeit zum Schreiben oft den Tagespflichten abringen. Das tut zwar der Qualität seiner Texte gut, denn sie haben zwangsläufig Zeit zum Reifen. Aber manches Mal wünschten wir doch, die Zeit des Wartens, bis wieder ein neuer Jung erscheint, wäre kürzer.

Wer nie anfängt, der hört nie auf, und wem wenig auf einmal nicht genug ist, der erfährt nie, wie man nach und nach zu vielem kommt“, schrieb Hebel einmal. Weil Jung so vieles tut – wie Hebel es tat – und weil er es so bedacht, so menschenfreundlich tut – wie Hebel es tat -, deshalb verleiht ihm die Gemeinde Hausen heute ihre Hebel-Plakette.

Ich gratuliere der Gemeinde und ihren Gremien zu diesem Beschluss, und ich gratuliere dir, lieber Markus Manfred Jung, zu dieser Ehrung, die so sehr an der Zeit ist.


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